Die Suche nach dem Wie des Lernens bei Hunden ist deshalb so faszinierend, weil uns Menschen begeistert, was Hunde alles lernen können und wie stark sie sich uns anzupassen vermögen. Merkfä­higkeit, komplexe Handlungs­abläufe und findiges Lösen von Problemen steigern unsere Neugierde und spornen uns an, die Lernvorgänge beim Hund vollends zu „entschlüsseln“.

Die Behavio­risten haben elementare Lernvorgänge definiert, die daraus entstehen, dass Hunde eine bestimmte Erfahrung neu verknüpfen. Neben verschiedenen Arten des erfahrungs­ba­sierten Lernens zählen die bedingten Reflexe dazu. So kann ein Reflex durch einen anderen Reiz als den ursprüng­lichen, der zum Schutz-Reflex führt, ausgelöst werden. Denkbar ist z.B. ein Ton, der kurz vor dem darauf­fol­genden Luftstrahl auf das Auge erklingt und als Ergebnis des Lernpro­zesses allein schon zum Schließen des Lides führt. Von bedingter Appetenz kann man sprechen, wenn ein Hund Schlüs­sel­klappern hört und zur Tür eilt, weil er die angenehme Erfahrung gemacht hat, dass darauf Spazie­rengehen folgt. Gelernt hat er es, weil er gern hinaus möchte. Es muss also ein Antrieb vorhanden sein, den der Hund zu befriedigen sucht. Assoziiert nun der Hund stattdessen eine bestimmte (an sich neutrale) Situation mit einer unange­nehmen Erfahrung, wird er sich meidend verhalten und versuchen auszuweichen. So erlebte ich eine Berner-Sennen-Hündin, die aus dem Zimmer drängte, sobald ein Fenster geöffnet wurde. Ein Blumentopf war tags zuvor beim Öffnen des Fensters auf sie gefallen. Ein Hund kann auch lernen, dass sich das Unangenehme auf sein eigenes Verhalten und nicht auf eine bestimmte Situation bezieht. Versucht er z.B. unterwegs Essensreste zu fressen und erfährt durch den Befehl „Pfui!“ ein Verbot, lernt er seinen Appetit zu beherrschen und gibt – bei entspre­chender Ernsthaf­tigkeit des Befehls - diesem Bedürfnis nicht nach. Dies würde einer bedingten Hemmung entsprechen.

Die klassische und die operante Konditio­nierung sind Lernver­fahren, die die elementaren Lernvorgänge einschließen. Während der Hund in der klassischen Konditio­nierung unwill­kürlich auf den Reiz reagiert (z.B. auf den Glockenton hin speichelt), geht es in der operanten Konditio­nierung darum, ein bestimmtes Verhalten des Hundes durch Belohnung zu verstärken oder durch Strafe zu unterdrücken. Vom Reiz (Stimulus) hängt seine Reaktion insofern ab, als der Hund im Falle eines „positiven Verstärkers“ genügend Motivation verspüren muss, um sich wie gewünscht zu verhalten.
Ein weiteres Prinzip ist das Lernen nach Versuch und Irrtum.

Nun vermögen die behavio­ris­tischen Lerntheorien aber nicht zu erklären, was sich bei Hunden spannen­derweise auch beobachten lässt: nämlich Handeln nach Plan, das Verfolgen von Absichten oder z.B. die spontane Bewältigung neuartiger Situationen, die ein erstaun­liches Vermögen an Einsicht und Kombinie­ren­können voraussetzt.

So lernen Hunde nicht einfach nur über Reiz-Reakti­ons­muster. Darüber hinaus schauen sie sich Verhal­tens­weisen ab, lernen von erfahreneren Tieren. Und sie verfügen über die Fähigkeit des Genera­li­sierens. Ein Hund, der von einem kleinen weißen Artgenossen angegriffen wird, reagiert unter Umständen künftig auf alle kleinen weißen Hunde aggressiv, weil er von dem einen auf alle schließt. Über Neugierde und Spiel laufen sogenannte fakultative Lernvorgänge ab, die auch nicht über die Konditio­nierung erklärt werden können. Die Art des Lernens ist weniger festgelegt. Dabei verbinden Hunde Mimik, Gestik oder den Tonfall bzw. gewählte Worte der Menschen mit bestimmten Wünschen oder Handlungen. Das legt uns nahe, stets die gleichen Gesten und Worte zu benutzen, wenn wir vom Hund in unseren Forderungen verstanden werden wollen.

Lernen geschieht auch ohne unser bewusstes Zutun. Wir haben vielleicht durch ein unbedachtes Handeln beim Hund eine nicht gewünschte Assoziation erzeugt und ärgern uns dann darüber, dass er sich „daneben“ benimmt.

Genügend Studien belegen eine Verschlech­terung der Lern- und Gedächt­nis­leistung, wenn unter Druck gelernt wird. So können wir nicht nur unter tierschüt­ze­rischen Gesichts­punkten etwas anderes wollen, als unsere Hunde zu motivieren und auf freudvolle Weise lernen zu lassen. Neben einer leicht verständ­lichen Vermittlung spielt eine Rolle, wie viel Geborgenheit wir ihnen geben können. Wenn sich unsere Hunde sicher und wohl fühlen, vollzieht sich Lernen spielerisch leicht.

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