Wann dürfen wir einem Hund das Recht auf sein Leben absprechen?

Vergangene Woche kam ein Ehepaar mit einem Kleinen Münster­länder zu mir. Seine dringende Bitte war, ich möge dieses Tier umgäng­licher machen. Ein Jahr ist es alt und hat bereits eine beeindru­ckende Geschichte. Einige Leute, inklusive der Besitzerin, sind ernsthaft gebissen worden.

Der muntere Rüde zögert nicht, sich mir umgehend vorzustellen. Wir haben eben mal zwei Worte gewechselt, da hängt er mir schon an der Jacke. „Na, das kann ja heiter werden ...“, denke ich mir.

Im Park gehen einzelne Leute an uns vorüber und unser Sorgenkind macht keinen Hehl daraus, jeden gern packen zu wollen. „Bei Hunden rastet er völlig aus“, sagt mir die Besitzerin. Das erlebe ich schließlich auch. Immer auf meine Beine schielend, wütet er angeleint vor sich hin, weil ich ihn von fremden Hunden abhalte. Er kann sich gerade noch beherrschen und beißt ersatzweise in die Leine. Bei seinem Frauchen hatte er in der Vergan­genheit weniger Bedenken, seine Spuren zeichnen ihr Bein.

Ich dringe schließlich zu ihm durch und verschaffe mir Respekt. Zum ersten Mal ist er wirklich beeindruckt und ordnet sich schmiegsam unter. Man kann also mit ihm arbeiten.
Natürlich möchte seine Familie von mir wissen, wie umgänglich ich dieses Tier machen kann. Weil ich Hoffnung habe, würde ich es gern versuchen. Dazu muss sich das Ehepaar aber überlegen, ob es sich in der Lage fühlt, den Hund künftig souverän zu führen. Nachläs­sig­keiten würden sich hier schnell gefährlich auswirken.
Nicht jeder bringt die Kraft auf, seinem Hund dezidiert Grenzen zu setzen. Und ich sehe, dass das Frauchen dieses Rüden damit auch Probleme hat.

Was kann man sonst tun ?
Ich sage es den Leuten ganz direkt: Wer sich nicht aus ganzem Herzen für seinen Hund entscheiden kann – weil er sich ihm z.B. nicht gewachsen fühlt, sollte sich von ihm trennen. „Ja, aber wem kann man einen bissigen Hund zumuten?!“, werde ich dann gefragt. Diese Schwie­rigkeit rechtfertigt in meinen Augen nicht die Entscheidung, den Hund töten zu lassen. Wir sollten nicht leicht­fertig mit dem Leben uns anvertrauter Wesen umgehen. Vielleicht findet sich jemand, der es mit einem proble­ma­tischen Hund versuchen möchte. Wer sagt denn, dass es niemanden gibt, der einem schwierigen Hund gewachsen ist? Nur, weil ich es mir nicht vorstellen kann, heißt das noch lange nicht, dass dies auch so ist.

Ich bin mir durchaus bewusst, welche Verant­wortung ich bei einer Beratung dieser Art trage. Die Frage, ob ich meinen Rat gut vertreten kann, ist keine einfache. Es könnten auch andere Menschen zu Schaden kommen. Ja. Aber im Falle dieses Hundes ist es möglich, die Aggres­sionen wenigstens zu mindern. Und diese Chance wünsche ich ihm.

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