Heilig­mittag beim Tierarzt

Ein kaltschnäuziger Dagobert Grappendorf

Freitag vor Heiligabend. Niemand aus meiner Familie kam auf die Idee, im alten Jahr mit unserem Hund noch einmal zum Tierarzt zu müssen. Seit Donnerstag waren wir jetzt im Gästehaus „Siggi-Domizil“ in Bad Neustadt. Und am Freitag verspeiste unser Schätzchen während einer Weile des Alleinseins komplette drei Viertel einer auf Schnau­zenhöhe stehen gelassenen offenen Katzen­fut­ter­schale aus Aluminum. Der Rest der Schale fand sich nach unserer Rückkehr zusammen­ge­bissen auf dem Teppich. Dieses „Indiz“ legte nahe, dass der größere Teil in den Hundebauch gewandert war. Samstag und Sonntag erbrach sich unser Hundchen, jedoch ohne Erfolg. D.h., Aluminium trat nicht zutage. Meine Schwester beunruhigte sich zunehmend und plädierte für Gewissheit in der Frage: Ist nun noch Aluminum im Bauch oder nicht?

Meine Strategie verlangte Abwarten, denn das Befinden unseres Vierbeiners war gut und die Laune geradezu prächtig. Weder hinten noch vorn kam Blut raus. Also schien mir Abwarten nicht falsch zu sein. Vielleicht würde ein künftiges Erbrechen heraus­bringen, was eventuell noch im Bauch lag.

Montag­mittag, Heiligabend. Kein Erbrechen am Morgen. Am Abend zuvor hatte ich noch meiner Schwester zuliebe mit dem Gedanken gespielt, Apomorphin spritzen zu lassen, um den Magen künstlich zu leeren. Aber aus Erfahrung weiß ich, wie unangenehm das für die Hunde ist. Buchstäblich speiübel ist ihnen dann nämlich. Das wollte ich nun eigentlich doch nicht tun lassen, ich mochte nicht auf den bloßen Verdacht hin diese Übelkeit erzeugen. Dann schon lieber den Magen röntgen, so müssten wir es doch sicher in Erfahrung bringen - dachte ich.

„Also los!“, sagte meine Schwester. Auf zur Tierklinik Grappendorf in Bad Kissingen. Weil die Arzthelferin am Telefon gleich von Untersuchung, Ultraschall und Röntgen sprach, war ich entschieden: Es sollte nur geröntgt werden! Sie meinte am Telefon, die Aluteile könnten ja auch vorm Magen stecken­ge­blieben sein. Das aber war in meinen Augen nicht der Fall, denn dann hätten wir Schluck­be­schwerden oder andere Beeinträch­ti­gungen sicherlich bemerkt.

Wie zu erwarten, war es bei Grappendorf brechend voll. Die normale Sprech­stunde endete mittags und wir waren nicht die einzigen, die noch regulär drankommen und den Feiertags­aufpreis vermeiden wollten. Nach einer Stunde Wartezeit waren wir dran. Eine nette, junge Ärztin kam ins Behand­lungs­zimmer und war mit meinem Wunsch nach einem Röntgenbild einver­standen. Sicher­heits­halber fragte ich noch, ob wir dann auch sicher wüssten, ob unser Hund nun Alustücke im Bauch hat oder nicht. „Ja“, war ihre Antwort. Röntgen wäre in einem solchen Fall üblich. Also gesagt, getan. Ziemlich flott danach empfing uns der Chef im Behand­lungsraum und teilte uns den Befund mit: Es sei nichts zu sehen gewesen. Ich vergewisserte mich und fragte, ob wir absolut sicher sein könnten. „Der Magen ist absolut leer!“, ob ich das Röntgenbild sehen wolle? Nein, wollte ich nicht. Eisen würde man zwar deutlicher sehen, sagte Grappendorf, aber Alu sei bildgebend genug, als dass man es gesehen hätte, wenn welches im Bauch gewesen wäre. Ja okay, da freuten wir uns. Der „Spaß“ kostete zwar 100,- € (Röntgen und Konsul­tation), aber gut.

Man könnte den Deckel zuklappen und die Geschichte hier enden lassen, wenn, ja wenn nicht drei Tage später zwei ziemlich große Alustücke vorn aus unserem Hund heraus­ge­kommen wären … Nur zu besseren Vorstellung: Die zusammen­ge­bissenen Stücke waren 5 cm lang und 3 cm breit! Nun möge jeder in sich gehen und eine Antwort geben auf die Frage: Finde ich 100,- € gerecht­fertigt für eine falsche Diagnose und die falsche Versicherung, das Röntgenbild sei zuverlässig?

Tja, also ich kann mir keinen denken, der das okay fände! Also schrieb ich dem Klinikchef das Ereignis. Seine lapidare Antwort lautete, das Alu sei wohl nicht ausreichend bildgebend gewesen, fertig. Meine Antwort darauf machte deutlich, dass ich zwar Verständnis für einen Irrtum hätte, aber nicht einsähe, auf den Kosten des Röntgen­bildes sitzen­bleiben zu sollen, da wir falsch informiert wurden über die Zuverläs­sigkeit des Röntgen­bildes. Wohlgemerkt war ich bereit, die Kosten für die Konsul­tation zu übernehmen. Diagnos­tische Fehler führen juristisch nicht zwangs­läufig zu berech­tigten Regress­an­sprüchen. Aber ich hätte meine Entscheidung fürs Röntgen überdacht, wäre ich darüber in Kenntnis gesetzt worden, dass die Zuverläs­sigkeit, die ich mir vorstellte, nicht möglich ist!

Grappendorf schwieg. Zwischen­zeitlich hatte ich über eine humanme­di­zi­nische Radiologin in Erfahrung gebracht, dass Alufolie recht gut auf Röntgen­bildern zu sehen ist. Immer wieder aber kommen Fälle vor, in denen solches Material in Menschen­bäuchen aufgrund seiner Position im Raum und der Lage im Magen unsichtbar bleibt. Offenbar wusste man das in der Tierklinik Kissingen nicht!

Nachdem sich Grappendorf nicht mehr meldete, rief ich nach fünf Tagen schließlich an. Das Telefonat verlief unerfreulich. Er stellte kurz angebunden fest, ich hätte ein Röntgenbild haben wollen, das er lieferte. Damit sei der Fall erledigt. Meinen Einspruch ließ er nicht gelten. Allen Ernstes verstieg er sich zu dem Standpunkt, dass ich bei der Bestellung eines Röntgen­bildes selbst auch wissen müsse, ob es zuverlässig sei oder nicht! Seine Selbst­ge­rech­tigkeit war dabei so umfassend, dass er locker eine falsche Auskunft von sich und seiner Kollegin darin unterbrachte.

Interessant war auch seine Haltung zum Thema „Dienst­leistung“: Ich fragte ihn, ob er von einem Tier auch ein MRT machen würde, wenn es nur einen Schnitt in der Pfote hätte, es der Besitzer aber wünschte. Das bejahte er sofort, mit dem Nebensatz „Wenn es dem Tier nicht schadet.“ D.h., Grappendorf ist bereit, ein Tier u.a. auch in Narkose zu legen, obwohl das medizinisch gar nicht indiziert ist - weil der Besitzer es wünscht!

Es mag legitim sein, mit solch einem ethischen Verständnis als Tierarzt zu arbeiten, die Welt jedoch schöner oder humaner macht es nicht. Und ich bin sicher, dass etliche von Grappendorfs Kollegen unter „Tierwohl“ etwas verstehen, was weniger an Geld gekoppelt ist als bei ihm.

Alles in allem erlebte ich den Klinikchef als einen kaltschnäuzigen Geschäftsmann, dem sowohl die Integrität als auch das Standing fehlte, seinen Fehler zuzugeben. Das ist traurig, aber auch außerhalb der Tiermedizin weit verbreitet.

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