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12.01.2017Uhr

Das Problem mit den Timberwölfen ...


Die Forschung wies nach: Weibliche Amerika­nische Timberwölfe sind niemals erfolgreich domestiziert worden. Ob das auch für männliche Tiere gilt, steht derzeit noch nicht fest. Diese Wölfe gelten als so entfernt verwandt mit unseren Haushunden, dass man sie als andere Spezies ansehen könnte. Aber jahrzehn­telang zog man sie als Referenz für das Verhalten von Haushunden heran …


Über 1000 Jahre alte Hundeknochen aus südame­ri­ka­nischen Ländern ähneln in ihrer DNS eher der von europäischen als jener von amerika­nischen Wölfen. Der Eurasische Grauwolf scheint der Stammvater von Canis lupus familiaris zu sein und auch jener der europäischen und amerika­nischen Wölfe, die in den letzten 80 Jahren erforscht wurden. Allerdings verbietet (wie es Biologe John Bradshaw sieht) die Logik, anzunehmen, dass zwischen diesem Jahrtausende alten Vorfahr und modernen Wölfen viel Ähnlichkeit besteht.


Als die Menschen begannen, ihre Viehherden zu schützen und den Wolf zu bedrohen, zu vertreiben und zu töten, entwickelten die übrig gebliebenen Tiere ein großes Misstrauen gegenüber Menschen. So sind mit den heutigen Wölfen sehr wilde Abkömmlinge aus ihnen entstanden. Haushunde aber müssen von einer zähmbaren Wolfsart abstammen. - Einer Wolfsart, die nicht mehr in freier Wildbahn existiert und über deren Verhalten nichts bekannt ist.


Haushunde sind die älteste domesti­zierte Tierart. - Was für Wissen­schaftler nahelegt, dass sie sich im Vergleich zu ihren Vorfahren stärker verändert haben dürften, als jede andere Tierart auf der Welt. Demzufolge werden viele Merkmale der Urspezies im Laufe der Domesti­kation verschwunden sein. Aber einige Charak­te­ristika wird es noch von jenen Linien geben, aus denen Hunde, Schakale, Kojoten und Wölfe hervor­ge­gangen sind.


Nach heutigen Erkennt­nissen ist es sehr unwahr­scheinlich, dass es die eine Domesti­kation gegeben hat, die einen konstanten Übergang von einer Gruppe Wölfe zum Hund vollzog. Stattdessen fand wohl eher ein planloser, zufälliger Prozess von Domesti­ka­tionen an verschiedenen Orten zu unterschied­lichen Zeiten mit nicht immer andauerndem Erfolg statt. Solche Orte lagen in ganz Asien, dem mittleren Osten, vereinzelt in Europa und zu Beginn in Südchina.


Auf diese Weise entstanden sogenannte Proto-Hunde, die zunächst alle voneinander isoliert lebten. Die später einset­zenden Völker­wan­de­rungen führten allerdings zu einer Durchmi­schung der Gene vieler dieser Hunde.
Was indische Paria-Hunde so wertvoll für die Forschung macht ...


Studien in den 90er Jahren unterstützten den Eindruck, dass frei lebende Hunde ein stark konkur­renz­ba­siertes Sozial­system aufbauen. Die Gruppie­rungen schienen sich willkürlich zu ergeben, ohne dass gemeinsame Aktivitäten koordiniert erschienen. Für
ausgesprochene Koordi­nation unter den Tieren fehlten Beweise. Um knappes Futter wurde häufig schnell gekämpft. Rüden beteiligten sich nicht an der Aufzucht der Jungen.


Dieses falsche Bild dürfte deshalb zum verzerrten Eindruck der Wirklichkeit geführt haben, weil alle diese Studien (in den USA, Italien, Spanien) eines gemeinsam hatten: Sie waren an Hunden durchgeführt worden, die die Menschen als Plage empfanden und die permanent vertrieben wurden. Es war den Tieren also unmöglich, sich langfristig nieder­zu­lassen und eine eigene Sozial­kultur mit kooperativem Verhalten zu entwickeln. Dafür gab es keine Zeit. Sicherheit und Stabilität fehlten. Famili­en­ba­sierte Bindungen und eine ausgeprägte Gruppen­struktur, die in Vertei­di­gungs­si­tua­tionen das Risiko für den einzelnen minimiert, konnten so nicht zustan­de­kommen.


Dr. Sunil Kumar Pal leitete über 10 Jahre eine Langzeit­studie an wildle­benden Dorfhunden in Westbengalen. Diese Paria-Hunde leben am Rande der Gesell­schaft und sind bis aufs Futter­betteln vom Menschen unabhängig. D.h., eine Bindung kann
ausgeschlossen werden. Sie haben zwar einen Schmarot­zer­status, werden aber in Ruhe gelassen. Deshalb können sie ihr soziales Leben frei gestalten. Ihre Erforschung sagt Bedeutsames darüber aus, wie sich Haushunde selbst organi­sieren würden, wären sie vom Menschen unbeein­flusst. Zudem scheinen sie sich kaum von Hunden zu unterscheiden, die im Gebiet des fruchtbaren Halbmondes im Nahen Osten lebten. Und dort befindet sich die Wiege der modernen Zivili­sation. Also ist ihr Verhalten vielleicht jenem der am frühesten domesti­zierten Hunde ähnlich.


Wie leben Paria-Hunde?


Sie leben, wie Wölfe oder andere Kaniden, in Famili­en­ver­bänden von fünf bis zehn Tieren. Futter wird allein gesucht. D.h., es werden keine Rudel gebildet, wie es Wölfe tun. Ein gemeinsames Jagen ist nicht nötig, da sich die Hunde von Abfällen ernähren.


Ohnehin haben Haushunde im Laufe der Domesti­kation die Fähigkeit zum erfolg­reichen Jagen verloren. Abgesehen von der Notwen­digkeit, regelmäßig Beutetiere zu erlegen, stünden die Tiere auch vor der Heraus­for­derung, sich gegen Nahrungs­kon­kur­renten durchzu­setzen. Dazu sind die meisten Hunde nicht mehr in der Lage.


Einzelne Gruppen verteidigen ihr Territorium gegen fremde Hunde, wie Wölfe. Gar nicht wölfsähnlich ist ihr Fortpflan­zungs­ver­halten. Eher wie Kojoten lassen sich Hündinnen von mehreren rudelfremden Rüden umwerben und paaren sich auch nicht nur mit einem. Ein Rüde davon unterstützt manchmal die Jungenaufzucht.


So eng wie bei Wölfen ist die Famili­en­struktur allerdings nicht. Auch beteiligt sich der Nachwuchs nicht an der Betreuung von Geschwistern. Hündinnen reagieren toleranter gegen Geschlechts­ge­nos­sinnen und beanspruchen auch nicht das alleinige Recht auf Paarung. Es werden keinerlei rituali­sierte Anzeichen von Dominanz oder Unterwerfung gezeigt, wie bei Wölfen in Gefangen­schaft. Dominanz­gebaren scheint es beim Fressen und bei Unterschlupfen zu geben. Zudem verhält sich das älteste Zuchtpaar aggressiv gegenüber unverpaarten Rüden.


Im Gegensatz zu Wölfen leben Gruppen von Paria-Hunden friedlich nebeneinander. Erwachsener Nachwuchs teilt sich das Territorium mit den Eltern. Es lässt sich sagen, dass ihr Leben in den beengten Verhält­nissen weder ein Verhalten erzeugt, wie es Wölfen in freier Wildbahn, noch in Gefangen­schaft entspricht.
Voraus­set­zungen für die Domesti­kation


Freund­lichkeit und umgäng­liches Verhalten waren unerlässlich, gerade weil auch nicht miteinander verwandte Tiere miteinander zurecht­kommen mussten. Durch das Nahrungs­angebot in Menschennähe wurden die Hunde zu einem beengten Miteinander gezwungen. Sie wurden also auch nach ihrer Anpassungs­fä­higkeit selektiert.


Dass die vermeintliche Hierarchie des Hundes von jener des Wolfes abstammt, ist schon deshalb falsch, weil Wölfe nur in Gefangen­schaft, sozusagen künstlich, eine aggres­si­ons­ba­sierte Hierarchie ausbilden.


Nach traditio­neller Auffassung stammt die Hierarchie des Hundes von der des Wolfes ab, konkret der des in Gefangen­schaft lebenden Wolfs. Diese Vorstellung ist grundlegend falsch. Die Hierarchien im Wolfrudel sind ein Artefakt der Gefangen­schaft. Stattdessen hängt die Struktur eines natürlichen Rudels von den familiären Bindungen ab und eine aggres­si­ons­ba­sierte Hierarchie ist nicht erkennbar.


Es liegt also nahe, dass Hunde durch die Domesti­kation eher freund­licher gegenüber Artgenossen wurden.


Eine Alternative zum Hierar­chie­ge­danken


Besser als das Dominanz­modell erklärt das RHP-Modell (Resource Holding Potential), wie Hunde mit Konflikten umgehen könnten. Zentral dafür sind zwei Fragen, nämlich: Wie sehr will ich die Ressource haben und wie groß ist die Gefahr, dass ich gegen den anderen im Kampf darum verliere?

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