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27.05.2017Uhr

Manch einer kommt zum Hund wie die Jungfrau zum Kind. So etwas gibt es. Wenn dem Einzug des neuen Famili­en­mit­gliedes aber Überle­gungen vorausgehen, so ist zu wünschen, dass die zugrun­de­ge­legten Informa­tionen auch die richtigen sind und die Lage korrekt eingeschätzt wird. Ein Beispiel aus meiner Praxis: Ein junger Mann mit Frau und Kleinkind begeisterte sich sehr für Hovawarts. Bildschön fand er diese Rasse und das „Markige“ im Charakter sprach ihn sehr an. Seine Frau, ein ganz anderer Typ als er, schloss sich ihm etwas zögerlich an. Ein Hovawart sollte also bei ihnen zu Hause auf dem Land einziehen. Ein kleiner Hof und eine geräumige, nicht allzu große Wohnung warteten auf den Welpen. Nicht lange dauert es, bis der junge Rüde begann, die Zähne zu zeigen, wenn er verstimmt war und sich reglementiert fühlte. Er verteidigte seine Besitztümer und jagte dem Frauchen Angst ein mit seiner zunehmenden Aggres­sivität, wenn ihm etwas nicht passte. Wir gestalteten viele Alltags­si­tua­tionen neu, sorgten für mehr Respekt beim Hovawart­jüngling und konnten so etliche „Brandherde“ eindämmen. Doch ein Problem blieb: Ein sehr starker, selbst­be­wusster Hovawart (hier in der Größe eines Ponys!) braucht einen durchweg unerschro­ckenen Halter, der ihm jederzeit Paroli bieten kann. Der junge Mann fürchtete den Hund nicht. Aber Frau und Kind waren der „Schwachpunkt“; der begrenzte Platz im Haus und die Mutter ein Stockwerk darüber, die keinerlei Respekt beim Hund genoss und ihn nach Strich und Faden verwöhnte. Das traurige Fazit, das die Famiie deshalb nach einiger Zeit zog, war die Erwägung, einen neuen Platz für den Hund zu suchen.

Oft gehen die Meinungen in einer Familie darüber auseinander, welcher Rasse der neue Vierbeiner angehören soll oder was für ein Mischling es sein darf. Proble­matisch ist, wenn ein Hund einzieht, der von einem Famili­en­mitglied, das sich maßgeblich um ihn kümmern soll, nicht geführt werden kann, weil es sich ihm nicht gewachsen fühlt.

Von der Einteilung in „Anfängerhund“ und „andere“ halte ich dennoch nicht viel, weil sie zu wenig beachtet, welcher Typ Hund dem jeweiligen Menschentypus liegt. In meinen Augen sind die wichtigsten Kriterien die Tempera­mentslage bei Hund und Mensch und die „Schatten­seiten“, die beim Hund zu erwarten sind. (Ich gehe hier davon aus, dass grundsätzliche Fragen, wie das Budget und die vorhandene Zeit, geklärt sind). In unglück­lichen Mensch-Hund-Beziehungen berühren die Hunde mit mancher Eigenart neural­gische Punkte bei ihren Haltern. So erträgt der eine oder andere Boxer-Besitzer nur mit Mühe, dass sein Hund auch 200 Meter weit zu rennen bereit ist, nur weil ein Traktor dort auf den Acker fährt. Oder die dezidierte Ansprache, die ein Terrier braucht (soll er ernst nehmen, was man ihm sagt) - so leicht mobili­sieren viele ihre Durchset­zungskraft eben nicht und leiden deshalb häufig unter Stress.

Verständ­li­cherweise sind Rasse-Atlanten häufig die erste Wahl, wenn es den passenden Hund heraus­zu­suchen gilt. Aber so, wie ich mich bei einem Medikament nicht nur für die Informa­tionen des Herstellers interessiere, sollte ich mich auch bei einem Hund nicht nur auf die Züchter verlassen, die sich für ihre Rasse begeistern (was naheliegt, wenn sie sie züchten). Ein Kenner mit sachlichem Blick auf die Rasse ist viel wert, aber er verfügt auch idealerweise über die Fähigkeit, die Interes­senten richtig einzuschätzen. Züchter prüfen in der Regel die Bereit­schaft zur verant­wort­lichen Pflege, ein Bewusstsein für die Rasse und das Umfeld der Hundehalter in spe ab. Natürlich ist das auch unerlässlich. Aber es berührt kaum die Kernfrage, ob der Mensch und dieser Hund wirklich zueinander passen. Es reicht für eine erfolg­reiche Beratung eben nicht, sich an dem zu orientieren, was der Interessent will. Wie realistisch er sich selbst einschätzt, ist viel bedeutsamer. Damit geht ein guter Berater um und stimmt die Frage des passenden Hundes darauf ab.

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