
















Vollblutzauber
Es ist Renntag in Iffezheim. Ich bin angezogen,
als wollte ich Sibirien durchwandern.
Gemeldet ist nicht viel über Null und regnen soll es auch. Meine Laune
kann das aber
nicht trüben. Ich werde so viele rassige Pferde sehen, dass mir das Wetter
schnurz ist.
Voller Vorfreude breche ich in aller Herrgottsfrühe auf in Richtung Schwabenländle.
Gerade noch komme ich pünktlich zum ersten Rennen und erhasche einen
letzten Blick
auf die Akteure, bevor es dann auf dem Geläuf spannend zu werden beginnt.
Nervös
tänzeln sie vorüber, diese Schmuckstücke auf schlanken Beinen.
Seelenvolle, große
Augen blicken aufgeregt in die Menschenmenge, die sich Bewunderung zollend
am
Sattelplatz eingefunden hat. So viel hochedle Schönheit wirkt wie eine
Droge. Was
müssen die Jockeys für glückliche Menschen sein! Ein Blick
in ihre Gesichter vor dem
Rennen macht mir jedoch klar, dass es die Verzückung des alltagsfernen
Augenblicks ist, die mich gefangennimmt. Die Reiter sind vielleicht gerade
mit dem Zwicken ihrer Hose beschäftigt, gehen die gegebene Order durch
oder verfluchen innerlich das Sauwetter. Jedenfalls spricht aus ihren Gesichtern
weit mehr Realitätssinn als aus den Gedanken und Empfindungen, die mich
in diesem Moment bewegen.
Nur wenige Minuten und die Türchen springen auf: das Rennen ist gestartet!
In
konstantem Tempo fliegt das Feld dahin. Während ich diese Bewegung verfolge,
breiten
sich gleichermaßen Spannung und ein Glücksgefühl in mir aus.
Es ist, als ob von diesen
dahinjagenden Pferden eine Schwingung ausginge, die sich harmonisch mit meiner
eigenen verbindet, ja sie sogar verstärkt.
Der Pulk erreicht die Zielgerade. Rhythmisch donnern sie heran. Mit geballter
Kraft ziehen sich die Leiber zusammen und schnellen wieder nach vorn, Jockeys
liegen auf den Hälsen, sind eins mit ihren Pferden. Die Nüstern
weit aufgerissen, saugen sie gierig nach Luft für die gewaltigen Galoppsprünge,
die sie vorbei an allen anderen nach vorn tragen sollen. Seit undenklichen
Zeiten zum Rennen gezogen, sind sie für den Sieg angetreten.
Was für ein Anblick, wenn jede Faser des Körpers ihr Letztes gibt
und das Pferd mit
seinem Reiter verschmolzen über die Ziellinie galoppiert! Ich kann nicht
anders, als mich
erhaben und etwas trunken zu fühlen. Und so kommt es mir vor wie ein
Filmriss, als ich
den Mann neben mir mit nüchterner Miene einige Striche in seinem Rennprogramm
machen sehe. Wie ist es ihm möglich, bei einem solchen Finish so unbewegt
zu bleiben?!
Mit noch fliegendem Körper werden die Rösser schon Minuten später
zum Absatteln
geführt. Reiter und Sattelzeug verschwinden, nackt und dampfend schreiten
sie jetzt ihre Runden und finden nur langsam zum normalen Atemrhythmus. Wie
klein sie sind, diese Vollblüter! Ihre Hufe passen in eine Mädchenhand
und mit „viel Wind unterm Bauch“ erinnern sie mich fast an Gazellen.
Kaum kann ich mich an ihnen satt sehen ...
Eigentlich hatte ich was essen wollen und eigentlich musste ich seit Stunden
aufs Klo.
Schrecklich, dieser Konflikt! Wenn man nichts verpassen will, sollte man zum
Kamel
werden und am besten einen Tag vorher schon nichts mehr trinken. Und essen
kann man, weiß Gott, später auch noch. Dafür waren die Spätzle
schließlich aber besonders lecker.